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Werkeinführung

In der ungeheuren Weite
Kantate nach Texten von Goethe und Müller (2001)

Es ist landläufig, Goethe als einen großen Humanisten zu bezeichnen. Die Verwendung seiner Dichtung lag also nahe. Das in besonderer Versform gebaute Gedichtpaar „Meeresstille“ und „Glückliche Fahrt“ zählt zu den bekannteren Gedichten. Die Aussage ist eine naturphilosophische, wie bei Goethe oft zu beobachten. Die lähmende Stille des Meeres zwingt den Schiffer zu ungewollter Rast. Fast erdrückend ist die Stimmung. Eine glückliche Fahrt verheißen die aufkommenden Winde im nachfolgenden Gedicht. Es darf Goethe unterstellt werden, dass es ihm kaum um eine reine Naturschilderung ging. Vielmehr kann man vom Prinzip Hoffnung sprechen. Nun ist aber die Eile der Glücklichen Fahrt schon eine Hast (bedingt durch das Versmaß), so dass man an ein glückliches Ende so recht nicht glauben möchte. Mit anderen Worten: Nicht jede schnelle Lösung ist eine gute Lösung. Durch den eingeschobenen Text Heiner Müllers erhält diese unterstellte Aussage in Goethes Dichtung eine neue Dimension. Der Geschichtsschreiber Tacitus (bekannt durch sein Werk „Germania“) beklagt sich über darüber, dass es zu wenig Sensationelles in seiner Zeit zu berichten gäbe, ja er entschuldigt sich bei seinen Lesern dafür. Diese lähmende Stille des Tacitus beantwortet Müller dadurch, dass er meint, sich nicht entschuldigen zu müssen, weil es in seiner Zeit keinen Mangel an „gutem Stoff“ gäbe. Das ist natürlich Dialektik in Reinkultur. (In diesem Sinne ist auch Müller durchaus Humanist, wenn auch nicht ausschließlich.) Nach diesem Text erscheint die übereilte „Glückliche Fahrt“ Goethes wie der „gute Stoff“ des Geschichtsschreibers von dem zuvor bei Müller die Rede war. Die Kantate schließt mit einem Satz der „Choral“ überschrieben ist. Hier ist nicht das kirchliche Volkslied gemeint, sondern eher die Art und Weise der kompositorischen Gestalt. Wache Ohren werden vielmehr Anklänge an die Hymne der Deutschen heraushören. Das ist alles sehr undeutlich gemacht, damit es offen bleibt für eigene Gedanken. In einer Zeit wie unserer, wo die Achtung vor humanitären Werten ständigen Brüchen unterliegt, hat der Geschichtsschreiber nie „Mangel an gutem Stoff“. Und bei aller glücklichen Fahrt, bleibt der Zweifel und die Frage. Auch hier und gerade hier in Deutschland, wo sich der „gute Stoff“ der Geschichtsschreiber im vergangenen Jahrhundert aus Holocaust, zwei Weltkriegen und zwei Diktaturen nährte.

Die Musik des Werkes gehorcht ihren eigenen Gesetzen und Bedingungen. Es ist möglich in der Akkordblöcken des ersten Satzes jenes Erdrückende der Stille (aber eben nicht die Stille) zu hören. Der zweite Satz, ziseliert wie eine Kammermusik, bringt den Text über Tacitus von Heiner Müller in der Art eines Sprechgesanges. Der Text mit seiner deutlichen Deklamation wird zum wichtigen Träger musikalischer Abläufe. Rasant, fast übereilt kommt der dritte Satz daher, wie eine glückliche Irrfahrt. Mit fast hysterisch anmutender Geste erreicht der Schiffer das Land. Ein figurierter Kantionalsatz, als „Choral“ bezeichnet, beschließt das Werk.

Th.B.





© 2006 Thomas Buchholz - Komponist

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